Die Mainz Prognose

Akte Mainz 05

Die graue Maus, die den Welttrainer ausbrütet. Dossier, Match Intelligence und Prediction Markets — alles zum FSV Mainz 05.

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FSV Mainz 05
Foto: Imago Images
Teil 1
Die Akte
Triumphe, Tragödien, Erfolge und Peinlichkeiten — das komplette Club-Dossier in 12 Kapiteln.
PrologSteckbriefGood to KnowHaterLoverMIPsPNGTragischOMGFun FactsSpecialWeise Worte
Bald
Teil 2
Intelligence
KI-gestützte Match-Analyse, Teamdaten, Verletzungen und Head-to-Head-Statistiken.
KaderNächstes SpielStatistikenForm
Bald
Teil 3
Predictions
Prediction Markets, Portfolio-Management und Risiko-Analyse mit Kelly Criterion.
Directional AlphaArbitragePortfolioRisk Tools

Prolog

Was diese Seite ist — und warum

„AKTE MAINZ" richtet sich an Lover und Hater der Nullfünfer. Geschichte wird Legende, Legende wird Mythos. Und aus Mythos wird Kult. Oder Grund zum „ewigen" Fremdschämen — je nach Ereignis mal so oder eher so.

Die „graue Maus", die den Welttrainer ausbrütet. Jürgen Klopp machte in Mainz seine ersten Schritte als Trainer — und veränderte den Fußball für immer. Thomas Tuchel folgte und ging denselben Weg nach oben. Mainz 05 ist die Talentschmiede der Bundesliga: klein, clever, immer unterschätzt. Ein Verein, der mit Karnevalsmentalität und schmalem Budget mehr erreicht hat, als viele für möglich hielten.

Aber diese Seite geht über das reine Feiern oder Hassen hinaus. Akte Mainz ist in drei Teilen aufgebaut: Das Club-Dossier erzählt die Geschichte — Triumphe, Tragödien, Skandale, Helden und Versager in 12 Kapiteln. Die Match Intelligence liefert die laufenden Daten, die ein Profi braucht: Kader, Statistiken, Head-to-Head, Verletzungen, Form. Und die Predictions bringen alles zusammen — mit Prediction Markets.

Prediction Markets sind kein Wetten. Bei klassischen Sportwetten verliert die Masse — das Geld geht an den Buchmacher, der seine Marge eingebaut hat. Bei Wettbörsen ist es ähnlich: Provisionen auf Gewinne, Liquiditätsengpässe und Spread fressen die Rendite. Prediction Markets funktionieren fundamental anders. Es gibt keinen Buchmacher, der das Haus gewinnen lässt. Stattdessen fließt Geld von denen, die nicht wissen, zu denen, die es richtig machen — mit Risiko-Management, Portfolio-Diversifikation und diszipliniertem Kapital-Einsatz. Man kann 24/7 handeln, Positionen aufbauen und abbauen, und wartet auf die binäre Auflösung des Events. Wer es versteht, betreibt keine Spekulation, sondern systematisches Trading.

Akte Mainz ist Teil von Akte Bundesliga — dem gleichen Konzept für alle 18 Bundesliga-Vereine. Jeder Verein bekommt sein eigenes Dossier, seine eigene Intelligence, seine eigenen Predictions. Das große Ganze findest du unter aktebundesliga.net.

Steckbrief

Daten, Fakten und Ereignisse

Steckbrief – Daten, Fakten und Ereignisse

Der 1. Fußball- und Sportverein Mainz 05 e.V (kurz 1. FSV Mainz 05) wird im Jahr 1905 gegründet. Der Verein hat (Stand: 1. Januar 2019) 12.417 Mitglieder.

Die Rheinhessen steigen im Jahr 2004 erstmals in die Fußball-Bundesliga auf und halten sich dort bis zum Jahr 2007. Nach einem Jahr in der 2. Bundesliga erfolgt 2009 der Wiederaufstieg. Seitdem spielen die ,,Null-Fünfer“ durchgehend im deutschen Fußball-Oberhaus (Stand: Dezember 2019).

Mainz 05 trägt seine Heimspiele seit 2011 in der Opel Arena, ursprünglich Coface Arena, aus. Das Stadion liegt etwas außerhalb der Stadt Mainz auf den Feldern von Bretzenheim und damit in unmittelbarer Nähe zur neuen Fachhochschule und zur Universität. Es bietet 34.000 Zuschauern Platz.

Bis zur Fertigstellung der Arena am 3. Juli 2011 spielt Mainz 05 im Bruchwegstadion. Dieses ist für internationale Auftritte nicht zugelassen. Den Umzug zelebrieren die Mainzer mit einem Karnevalszug vom Bruchweg zur neuen Arena. Auch das ist Tradition!

FSV Mainz 05
Abb.1.10.1 Ziemlich erfolglos in Mainz - Eckhard Krautzun am 21.11.2000. Irgendwann kam dann Jürgen Klopp. Foto: Imago Images/ Alfred Harder Foto: Imago Images

Good to Know

Was wenige wissen

Dass der 1. FSV Mainz 05 in vielerlei Hinsicht ein ,,etwas anderer“ Bundesliga-Klub ist, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass sich der Verein seit 2010 als ,,ersten klimaneutralen Klub der Bundesliga“ bezeichnet.

Bereits nach dem Umbau des Bruchwegstadions 2004 installiert er eine Photovoltaikanlage auf einem Tribünendach. Ökologische Aspekte spielen auch beim Bau der Opel Arena und ihrer technischen Ausstattung eine wichtige Rolle. Auf dem Dach entsteht eine der damals drei größten Solardach-Anlagen auf Fußballstadien in Deutschland. Die Anlage erzeugt jährlich etwa 700.000 kWh Strom und speist diesen ins öffentliche Netz ein. Die Anlage vermeidet so jährlich den Ausstoß von etwa 470 Tonnen Kohlendioxid, der bei einer konventionellen Stromerzeugung produziert werden würde.Der Klub wird 2007 von der Stadt Mainz für sein „vorbildliches betriebliches Umweltmanagement“ als „Ökoprofit-Betrieb“ ausgezeichnet.

Dass die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt eine Karnevalshochburg ist, ist Allgemeinwissen und schlägt sich auch bei Mainz 05 nieder. ,,Als Freudenhaus, nur ohne Politik“ bezeichnet der Journalist Daniel Stolpe in seinem Bildband „50 Jahre Bundesliga“ im Jahr 2013 Mainz 05. Bei jedem Tor des FSV erklingt der ,,Narrhalla-Marsch“ als Jingle, zur ,,Fassenacht“ tritt das Team traditionell in einem eigenen Editions-Trikot in den Farben Rot-Gelb-Blau-Weiß an und mitunter sind auch Spieler und Offizielle des Vereins beim großen Rosenmontagsumzug mit dabei. Das Faible von Mainz 05 für die „Fassenacht“ ist ziemlich bekannt. Weniger bekannt ist, dass der Verein im Jahr 2019 zum ersten Mal eine eigene Fastnachtssitzung veranstaltet. Und die Gelegenheit nutzt, den gerne mal zündelnden FSV-Ultras so richtig verbal einzuschenken. Dieses übernimmt Tobias Rinauer, Mitarbeiter der Vereins-Presseabteilung, der als „Pöbelrentner“ reimt: „Unn dann unsre Pyro-Boys, die klaane Schisser / koo Haar am Sack, 12, aber Fan-Besserwisser. / Geht doch im Dom euer Dauerschleif singe, / dann kann sich aach jeder e Kerzje mitbringe. / Unn wenn ihr die do in de Halter noischraubt, / ist anzünden sogar ausdrücklisch erlaubt.“

Jürgen Klopp startet seine Trainerkarriere bei Mainz 05. Das ist Allgemeingut. Doch wer entdeckte eigentlich Klopp? Das ist weniger bekannt und auch nicht eindeutig. Denn zwei Trainer-Legenden, ein Anspruch und ein Dritter, der mindestens genauso wichtig ist, spielen die entscheidenden Rollen. Robert Jung und Dragoslav ,,Stepi“ Stepanovic können gleichermaßen für sich reklamieren, Jürgen Klopp entdeckt zu haben. ,,Stepi“ holt den 1,91 m großen Stürmer 1989 zum Oberligisten Rot-Weiß Frankfurt. Nach der Meisterschaft in der Hessenliga und dem verpassten Aufstieg in die 2. Liga wechselt Klopp 1990 zum 1. FSV Mainz 05. Dem Fußballtrainer und Mathematiklehrer Robert Jung fällt ,,Kloppo“ bei einem Aufstiegsspiel der Frankfurter auf. Jung macht Klopp zum Zweitligaprofi. Was wenige wissen? Klopp selbst sieht Wolfgang Frank als seinen großen fußballerischen Lehrmeister. ,,Er hat meine Art, Fußball spielen zu lassen, am meisten inspiriert“, verrät Klopp anlässlich des fünften Todestags von Wolfgang Frank im September 2018 in der britischen TV-Sendung Monday Night Football, ,,sein Einfluss hat meine taktischen Überlegungen geprägt. Wolfgang Frank war ein außergewöhnlicher Mensch, er starb leider viel zu früh.“

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Abb. 1.10.2 Aufstieg im Mai 2004: Jürgen Klopp nimmt die Huldigungen des Mainzer Volkes jubelnd entgegen. Foto: Imago Images/ Alfred Harder

Für die Hater

Peinliche Katastrophen und große Niederlagen

„Europacup ist nicht so Mainz“: Ein 1:6 beim RSC Anderlecht (2015) ist Mainz‘ schlimmste Pleite in einem Europapokalspiel. Bitter: Die Mainzer holen neun Punkte, diese Ausbeute hätte in acht der zwölf Vorrundengruppen zum Weiterkommen gereicht. In Frankfurt amüsiert man sich über das ,,Aus“ des Erzrivalen vom Rhein köstlich: ,,Europacup ist nicht so Mainz“, ist auf einem Plakat in der Commerzbank-Arena zu lesen.

Mainz fehlt ein Tor! Das 4:1 bei Eintracht Braunschweig am 34. Spieltag der 2. Bundesliga-Saison 2002/03 wird wohl kein Mainzer Fan jemals vergessen. Die Mainzer verpassen den Aufstieg um ein Tor. Nutznießer ist der Erzrivale Eintracht Frankfurt, der sich in der dritten Minute der Nachspielzeit im Parallelspiel gegen Absteiger SSV Reutlingen durch den Treffer von Alexander Schur zum 6:3 dank der um einen Treffer besseren Tordifferenz an den Rheinhessen vorbeischiebt. Jürgen Klopp und sein Team verfolgen das Drama per Handy und fallen im Stadion an der Hamburger Straße innerhalb weniger Minuten ins Tal der Tränen.

Meister – und doch kein Aufstieg! Fast wäre die Ära des ,,Karnevalsvereins“ im bezahlten Profi-Fußball schon viel früher losgegangen. In der 1978 eingeführten Amateur-Oberliga Südwest holen die ,,Null-Fünfer“ 1980/81 erstmals die Meisterschaft. Trotzdem steigen sie nicht auf, weil gerade in jener Saison die 2. Bundesliga auf eine Staffel reduziert wird und der Aufstieg in die Zweitklassigkeit deshalb ausgesetzt ist. Danke, DFB!

Bayern-Bilanz: Minus 53, das ist die Tor-Differenz des FSV Mainz 05 in den Duellen gegen den großen FC Bayern München (bis Ende der Hinrunde der Saison 2019/20). Gegen keinen anderen Klub müssen die Rheinhessen mehr Gegentreffer hinnehmen. Gegen den Rekordmeister kassieren sie am 17. März 2019 auch die bis dahin höchste Niederlage ihrer Bundesliga-Geschichte: 0:6 in der Allianz Arena, ehe sie am 1. November 2019 bei RB Leipzig gar mit 0:8 untergehen. Auch zu Hause kann Mainz 05 gegen die Münchner selten jubeln: zehn von 13 Liga-Spielen (Stand: Juli 2019) werden am Bruchweg und in der neuen Arena verloren…

Höchste Auswärtsniederlage in einem Derby: Die höchste Auswärtsniederlage in einem Derby kassieren die Mainzer in der 2. Bundesliga in der Saison 1988/89. Am 37. Spieltag verliert man beim SV Darmstadt 98 mit 7:0.

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Abb. 1.10.3 Unter Trainer Sandro Schwarz wird Mainz von RB Leipzig in der Bundesliga in der Saison 2019/20 mit 8:0 zerlegt. Kurze Zeit später wird Schwarz von Achim Beierlorzer ersetzt. Foto: Imago Images/ Hartmut Bösener

Dumm nur: Am letzten Spieltag der Saison 1996/97 reist Mainz zum VfL Wolfsburg. Es ist ein Endspiel um den dritten Aufsteigerplatz. Dumm nur, dass der VfL einen Punkt mehr hat und Mainz gewinnen muss. Immerhin sieben Minuten wähnt sich der FSV nach Sven Demandts 1:0 im Oberhaus, dann schlägt der VfL zurück und zieht auf 3:1 davon. Mainz kommt auch dank eines Klopp-Treffers wieder auf 3:3 heran, obwohl der FSV nach einem Platzverweis von Steffen Herzberger (41.) in Unterzahl spielt. Am Ende setzen sich die größeren Kraftreserven der „Wölfe“ durch. Nach dem hochdramatischen 5:4 steigt der VfL in die Bundesliga auf, während Mainz noch sieben Jahre warten muss.

Rang 19: Die schlechteste Saison im Profi-Fußball legt Mainz 05 in der Premieren-Spielzeit 1988/89 hin. Unter Coach Robert Jung, der das Team aber postwendend in die 2. Liga zurückführt (,,Das war ein Husarenritt“), gibt es im ,,Unterhaus“ mit Rang 19 die schlechteste Platzierung in der 1. oder 2. Liga.

Die Chroniken von 2006/07: Wer Mainz nicht mag, bleibt in den Chroniken sicher gern auch in der Saison 2006/2007 hängen. Die Abstiegssaison aus der Bundesliga bringt…

Die schlechteste Punkt-Ausbeute in der Bundesliga: 34 Punkte bedeuten Rang 16, den direkten Abstieg und damit die schwächste Bilanz von Mainz 05 in der Bundesliga. Dabei gewinnen die Mainzer in der Hinrunde nur am 1. Spieltag, eine Serie von 16 sieglosen Spielen folgt (Vereinsrekord).

Für die Lover

Wichtige Triumphe und große Erfolge

Als Mainz die Bundesliga rockt: Platz 5, 58 Punkte, 18 Siege und eine Tordifferenz von plus 13 bedeuten am Saisonende 2010/11 die bis heute beste Ausbeute des 1. FSV Mainz 05 in der Bundesliga. Sieben Startsiege stellen den Bundesligarekord ein, den ihnen die Bayern erst 2015 wieder abnehmen.

Beste Saison in der 2. Bundesliga: Das gelingt Mainz 05 im Jahr 2001/02. 64 Zähler und eine Tor-Differenz von plus 28 reichen dennoch nicht zum Aufstieg… Dieser Erfolg ist also auch etwas für die Mainz-Hater.

Der legendäre Sieg in Dortmund: Die Saison 2017/18 wird man in Mainz immer mit der vorzeitigen Rettung vor dem Abstieg am 33. Spieltag in Verbindung bringen. Gegen einen Lustlos-BVB gewinnt die Mannschaft von FSV-Trainer Sandro Schwarz am 5. Mai 2018 mit 2:1 erstmals in ihrer Klubgeschichte bei Borussia Dortmund. Zuvor hat es sechs Niederlagen in Folge gesetzt!

Mainz kann es auch gegen den FC Bayern: Vier Siege hat der 1. FSV Mainz 05 in seiner Vereinsgeschichte gegen den FC Bayern München eingefahren (Stand: Dezember 2019), aber keiner dieser Erfolge ist denkwürdiger als die beiden Siege am 27. November 2011 und zur Wiesn-Zeit im September 2010. Mit 3:2 ringen die Rheinhessen den Tabellenführer im November 2011 durch Tore von Andreas Ivanschitz, Marco Caligiuri und Niko Bungert nieder. Genauso bemerkenswert: Mit einem 2:1 Sieg verdirbt der damalige Tabellenführer Mainz dem FC Bayern die Wies‘n-Feiern im Jahr 2010.

Der Eintracht-Schreck: Zwischen Frankfurt und Mainz liegen nur 42 Kilometer. Im Rhein-Main-Duell treiben die Rheinhessen die SGE regelmäßig in die Verzweiflung. In der Bundesliga hat Eintracht Frankfurt seit 2005/06 (Frankfurt spielt 2004/05 in der 2. Liga) noch nie in Mainz gewonnen – Stand Dezember 2019. In der Commerzbank-Arena liegen die Dinge für die Frankfurter marginal besser: Von elf Heim-Derbys gewinnen die ,,Adler“ nur zwei – ebenfalls Stand Dezember 2019. Und noch schlimmer für Frankfurt und besser für Mainz: 2019 verspielt Frankfurt durch ein 0:2 gegen Mainz 05 die mögliche Champions-League-Teilnahme…

FSV Mainz 05
Abb. 1.10.4 Michael Thurk (l.) – Torschütze für Mainz 05 im entscheidenden Spiel um den Aufstieg gegen Eintracht Trier am 23.05.2004. Foto: Imago Images/ Alfred Harder

Die Saison 2015/16: Der größte Erfolg gelingt Mainz 05 nicht unter Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel, sondern unter Trainer Martin Schmidt in der Saison 2015/16. Platz 6 bedeutet zwar nur die zweitbeste Bilanz der Vereinsgeschichte – aber erstmals spielten die Rheinhessen in der Europa-League-Gruppenphase. In Gruppe C muss sich der FSV mit Rang drei hinter RSC Anderlecht und AS St. Etienne zufriedengeben. Lediglich gegen FK Qäbälä aus Aserbaidschan gelingen zwei Siege (3:2 und 2:0).

Höchsten Siege: Die höchsten Siege der Mainzer stammen fast alle aus der Jahrzehnte andauernden Zugehörigkeit zur 2. Bundesliga bzw. zur Regionalliga Südwest. Es sind dies ein 9:1 gegen die Sportfreunde Eisbachtal und ein 8:0 gegen den pfälzischen Fast-Bundesligisten SV Alsenborn in der Regionalliga-Saison 1973/74. In der 2. Bundesliga steht ein 7:1 gegen den Lokalrivalen FSV Frankfurt vom 34. Spieltag in der Saison 1994/95 zu Buche. Den höchsten Auswärtssieg im bezahlten Fußball gibt es gleich zwei-mal. In der Saison 1991/92 wird in der damaligen 2. Bundesliga Süd Rot-Weiß Erfurt am vierten Spieltag in Thüringen mit 5:0 geschlagen. Und am 17.12.2019 wird Werder Bremen im heimischen Weserstadion mit dem gleichen Ergebnis „geschreddert“.

In der Bundesliga gilt: ,,Null-Fünf liebt Fünf-Null“: Vier-mal gelingt den Mainzern ein 5:0-Erfolg, gegen den SC Paderborn (2015), gegen den SC Freiburg (2004/05 und 2018/19) und in Bremen (2019/20).

Most Important Persons

Diese Typen prägen den Verein

Jürgen Klopp

Der Charismatiker:Mainz macht Klopp zu Kult! 1990 verpflichtet die Vereinsführung von Mainz 05 den Schwaben für die anstehende Zweitligasaison. Bis 2001 bestreitet er 325 Spiele und ist bereits zu Zeiten von Wolfgang Frank als Trainer dessen verlängerter Arm auf dem Spielfeld. Als dem Verein 2001 de…

Thomas Tuchel

Der Umstrittene:Er ist, zumindest auf dem Papier, der erfolgreichste 05-Trainer. Mit modernem Angriffs- und Tempofußball dirigiert Tuchel „diktatorisch” und „launisch” den Verein zum Erfolg. Nach seiner Beförderung vom A-Jugend- zum Cheftrainer 2009 folgen fünf sehr erfolgreiche Jahre für den Bundes…

André Schürrle

Der Jungspund:Schürrle ist der jüngste Torschütze, den der Verein je in seiner ersten Profi-Mannschaft gesehen hat. Er wächst in Mainz auf, wechselt 2006 in das Nachwuchsleistungszentrum und wird schnell Teil der A-Jugend. Der Stürmer ist von 2009 bis 2011 fester Bestandteil der Profitruppe und wird…

Dimo Wache

Der alte Hase:Die Torwart-Legende schafft den Durchbruch im Profifußball 1995 beim damaligen Zweitligisten. Zum Beginn seiner Karriere verdrängt er zunächst seinen späteren Torwarttrainer Stephan Kuhnert und löst 1999 den scheidenden Lars Schmidt als Mannschaftskapitän ab. Wache erlebt die drei Fast…

Christian Heidel

Der Macher:Der Sohn des ehemaligen Mainzer Bürgermeisters Herbert Heidel gehört von 1992 bis 2016 dem Vorstand des 1. FSV Mainz 05 als Manager an und ist zum Ende dieses Zeitraums der dienstälteste Manager eines Fußball-Bundesligisten. Als feste Säule des FSV ist Heidel über zwei Jahrzehnte der Mann…

Harald Strutz

Der Langzeit-Präsident:Nach 29 Jahren als Präsident von Mainz 05 tritt Harald Strutz im Sommer 2017 zurück. Es gibt Ärger um sein Honorar. Der eigentlich ehrenamtlich tätige Boss erhält 23.000 Euro „Aufwandsentschädigung“ im Monat. Zu viel, findet die Opposition im Verein. Mittlerweile haben sich de…

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Abb. 1.10.5 Tränen beim Abschied aus Mainz am 23.05.2008 – Jürgen Klopp. Foto: Imago Images/ Martin Hoffmann, Infografik by Ligalive, Infografik erstellt von Andjela Jankovic im Auftrag von Closelook Venture GmbH

Personae Non Gratae

Diese Typen sind unbeliebt

Kurt Beck

Der Rivalenfreund:Der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ist seit seiner Kindheit bekennender Fan der „Roten Teufel“ aus 1. FC Kaiserslautern. Die Sympathien des früheren Landesvaters mit den Erzrivalen vom 1. FC Kaiserslautern stößt den Mainzern seit jeher sauer auf. „Leider stört sich…

Jörn Andersen

Der Wortkarge:Kommunikationsprobleme führen zur knappsten Entlassung eines Trainers vor Saisonbeginn in der Bundesligageschichte (Stand: Dezember 2019). 2008 löst der Norweger Jürgen Klopp nach einem gescheiterten Aufstiegsversuch auf der Trainerposition ab und schafft am Ende der Spielzeit mit Main…

Jürgen Rische

Der Aufstiegsverhinderer:Ein einziges Tor kostet die Mainzer 2003 den Aufstieg. Geschossen wird es von Braunschweigs Stürmer Jürgen Rische. Nach einer starken Saison steht der FSV am 25. Mai 2003 nach einem 4:1 in Braunschweig Sekunden vor Saisonende auf dem Aufstiegsplatz. Freude und Jubel bei den …

Johannes Kaluza

Der Präsident mit der roten Hose:Als Johannes Kaluza im Juni 2017 zum Nachfolger von Harald Strutz und neuen Chef von Mainz 05 gewählt wird, jubeln die Mainzer Ultras. Im Winter 2017 ist jede Euphorie gewichen. Weniger als sechs Monate hat der Neue gebraucht, um sich als „ungeeignet“ für das Amt als…

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Abb. 1.10.6 Kurt Beck und Mainz 05? Eher nicht – die Mainz 05 Fans finden den Fußballgeschmack des ehemaligen Landesvaters von Rheinland-Pfalz nicht besonders gut. Foto: Imago Images/ Schüler

Tragisch

Diese Personen hatten Pech

Wolfgang Frank – Der Fußballvisionär:Auf dem Bieberer Berg in Offenbach wird vor dem Regionalliga-Spiel der Offenbacher Kickers gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 eine Schweigeminute abgehalten. Zu Ehren des gerade an den Folgen eines Hirntumors verstorbenen Ex-Bundesligaspielers und Trainers Wolfgang Frank. Frank hat den FSV Mainz von 1995 bis 1997 und von 1998 bis 2000 und die Offenbacher Kickers von 2006 bis 2007 jeweils in der Zweiten Bundesliga trainiert. „Es gibt keinen Zufall.“ Jedenfalls nicht im Fußball. Das ist das Credo des unterschätzen Fußballinnovators. Mehr als ein Dutzend ehemaliger Spieler, primär aus seiner Zeit bei Mainz 05, ergreifen den Beruf des Fußballlehrers auch deshalb, weil sie von der Arbeitsweise Franks beeindruckt sind. Unter ihnen Jürgen Klopp, Sandro Schwarz und Torsten Lieberknecht. Wolfgang Frank führt in Deutschland als einer der ersten Trainer im bezahlten Fußball die Viererkette ein. Er lässt mit zwei kompakten Viererketten und einem 4-4-2 System spielen. Bei Mainz 05 vollbringt er mit diesem taktischen Mittel ein sportliches Wunder, als er aus dem fast schon abgestiegenen Team die beste Rückrunden-Mannschaft macht und am letzten Spieltag der Saison 1995/96 den Klassenverbleib schafft. Wolfgang Frank ist ein Bewunderer von Arrigo Sacchi, der mit dem AC Mailand Europas Fußball in den 80-er und früheren 90-er Jahren dominiert. Pressing und ein koordiniertes Verschieben des ganzen Teams sind sein Mantra. Als er Mainz als Trainer übernimmt, entscheidet er sich zu einem radikalen Schritt. Er lässt ohne Libero und mit Raumdeckung spielen. Um seinen Spielern das System schneller beizubringen, führt er die Videoanalyse ein.Jürgen Klopp entwickelt das Spielsystems Franks später weiter, bekennt sich aber immer wieder als Schüler von Frank. So in einer TV-Sendung des britischen Fernsehens im September 2018.

Dirk Karkuth – Der frühe Tod:Dirk Karkuth wird am 9. Januar 1962 in Gelsenkirchen geboren, wo er am 14. Januar 2003 auch verstirbt. Karkuth ist als Fußballspieler unter anderem beim STV Horst-Emscher und beim 1. FSV Mainz 05 aktiv. Von 1990 an arbeitet er zunächst als Trainer beim BSV Stahl Brandenburg und danach als Manager und sportlicher Leiter bei Rot-Weiss Essen. Von 1996 bis 1997 coacht er den schottischen Club FC St. Johnstone. Danach kehrt er von der Insel zurück und trainiert den 1. FC Saarbrücken, den 1. FSV Mainz 05 und den Chemnitzer FC. Dirk Karkuth stirbt im Alter von nur 41 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Abb. 1.10.7 Wolfgang Frank (l.) war Mentor von Jürgen Klopp (r.) und ein besonderer Trainer. Er stirbt am 07. September 2013. Hier Frank als Trainer von Kickers Offenbach und Klopp als Trainer von Mainz 05 im Jahr 2007. Foto: Imago Images/ Alfred Harder

OMG — Oh My God

Das kann doch nicht wahr sein

FSV Mainz 05 – Hier beginnen Fußballkarrieren! Als Spieler, Trainer und Manager. Wer könnte es besser wissen als Jürgen Norbert Klopp, der am 1. Juni 2019 mit dem FC Liverpool Champions-League-Sieger wird?,,Alles was ich bin, bin ich durch euch“, sagt ,,Kloppo“, der als Spieler und als Coach den Klub geprägt hat wie kaum ein anderer, bei seinem Abschied 2008 unter Tränen. Doch Mainz 05 und seine Macher und Präsidenten stehen nicht immer für die Solidität, die Harald Strutz, von 1988 bis 2017 im Amt, verkörpert.

Ein Transfer-Meister mit schillernden Präsidenten: Jürgen Jughard, 1980 gewählt und mit sämtlichen Vollmachten versehen, führt den Verein bis zu seinem rätselhaften Tod 1982 fast in die Pleite. Jughard liebt die Inszenierung. Noch zu Oberliga-Zeiten lädt er sämtliche Klubpräsidenten der Liga auf seine Kosten zur Karnevalssitzung ein. Den Gewinn der deutschen Amateurmeisterschaft im Juni 1982 lässt er sich richtig etwas kosten. Es wird im im Stadtparkrestaurant ,,Favorite“ getafelt – und es gibt ein bisschen mehr als ,,Worschd, Weck und Woi“, die Mainzer Ess-und-Trink-Dreifaltigkeit. Es werden Salmmedaillons, Fasanenessenz „mit kleinen Bällchen und Fleischauswahl ,,nach Meisterart“ gereicht. Für Jughard gibt es die Ehrenmedaille der Stadt Mainz, sozusagen der höchste Nicht-Fastnachtserorden. Für Missstimmung sorgt nur Rolf Braun (,,Wolle mer se roilosse?“), Sitzungspräsident bei der Fernseh-Fastnacht (,,Mainz wie es singt und lacht“), der als Geschenk einen Erste-Hilfe-Koffer mitbringt. Man hat in Mainz sicher schon besser gelacht. Schluss mit lustig ist dann im August 1982. Da verliert der Vorsitzende und Vereinsmäzen Jürgen Jughard seinen Job bei der Deutschen Anlagen-Leasing (DAL). Drei Tage später kommt er in der Nähe von Koblenz bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ohne Mäzen, klagt der Mainzer Oberbürgermeister und FSV-Beirat Jockel Fuchs, steht der Verein ,,jetzt plötzlich vor dem Sturz ins Nichts“. Und das auch dank der ,,Altlasten“ von Jughard, der zwei Jahre lang Klub und Spieler mit Sachzuwendungen und Bargeld ,,in Millionenhöhe“ (Fuchs) verwöhnt hat. Die Wohltaten werden allerdings von Jughard, wie Betriebsprüfer ermitteln, durch Veruntreuungen bei seinem Arbeitgeber finanziert. Dass die geschädigten Unternehmen ihr Geld zurückwollen und das Finanzamt Steuerschulden reklamiert, ist die logische Folge. Ein Koblenzer Sportartikelgeschäft, an dem Jughard über die DAL beteiligt ist, präsentiert Rechnungen über umgerechnet 200.000 Euro. Streckenweise kann der Verein sogar die Gehälter für seine Oberliga-Spieler nicht mehr bezahlen…

Schluss im Jahr 2014: Seinen Vertrag will Thomas Tuchel im Mai 2014 nicht mehr erfüllen, obwohl dieser noch ein Jahr läuft. Stattdessen will er ein Sabbatical nehmen, genau wie es Pep Guardiola vorgemacht hat. In Mainz wohnen bleiben will er aber doch. „Freiwillig“, wie er später in einem Interview sagt, als er im Jahr 2015 mit seinem neuen Verein Borussia Dortmund wieder in Mainz spielt. Das Verhalten von Tuchel im Frühjahr 2014 hinterlässt „mixed emotions“ und eine gehörige Portion verletzten Stolz in Mainz, zum Beispiel beim damaligen Vereinspräsident Harald Strutz. Der sagt der BILD-Zeitung anlässlich des Besuchs von Tuchel mit dem BVB: „Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, sich nicht zu grüßen. Wir haben nur unterschiedliche Auffassungen von Respekt. Dabei bleibe ich, muss mich dafür auch nicht rechtfertigen. Punkt. Sein Abgang war schon grenzwertig.“ Tuchel will das zunächst nicht kommentieren, tut es dann aber doch: „Über Herrn Strutz habe ich mich nicht mehr geärgert. Wie und wo er es gesagt hat, sagt mehr über Harald Strutz als über mich.“Der Abgang von Thomas Tuchel – Oh My God. Jürgen Klopp hätte das wohl so hinbekommen, dass niemand sauer gewesen wäre.

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Abb. 1.10.8 Die beiden großen Trainer-Ikonen von Mainz 05: Jürgen Klopp (r.) und Thomas Tuchel (l.) im Jahr 2011. Foto: Imago Images/ Jan Hübner

Fun Facts

Wissen für Blowhards, Braggadocios und Connaisseurs

Dass Mainz 05 ein ,,Karnevalsverein“ ist und mit Ausnahme der Deutschen Amateurmeisterschaft von 1982 noch nie einen Titel im Senioren-Bereich gewonnen hat, wissen auch in Frankfurt alle. Weniger bekannt sind dagegen diese Fakten.

Der dreifache Zidan: Tja, Mohamed Zidan kann wohl nur in Mainz glücklich werden. Der Ägypter, 2011 mit Borussia Dortmund Deutscher Meister, flüchtet schon 2005 auf Leihbasis von Werder Bremen ins Bundesliga-Idyll nach Mainz. 2007 wird er fest verpflichtet, ehe er nach den Stationen HSV und BVB 2012 noch ein drittes Mal unter Vertrag genommen wird. Der Publikumsliebling erzielt 29 seiner 47 Bundesliga-Tore für den FSV. Nur in Mainz, so die Fans, kann er glücklich werden.

Noveski – Einer wie Kaltz und Körbel: Der Mazedonier Nikolce Noveski ist mit 313 Bundesliga-Spielen absoluter Rekord-Profi des 1. FSV Mainz 05 im deutschen Fußball-Oberhaus (Stand: Dezember 2019). 2004 von Erzgebirge Aue verpflichtet, prägt der Innenverteidiger 14 Jahre lang das Team mit, am Ende als sein Kapitän. Nicht ganz so stolz ist er auf seinen anderen Rekord: sechs Eigentore schafft neben dem Ehrenspielführer von Mainz 05 nur noch HSV-Legende Manni Kaltz in der Bundesliga (Stand: Dezember 2019).

Gute Mainzer Tradition: Es ist in Mainz Tradition, dass der Stadionsprecher auch die Gästeaufstellung nur mit Vornamen verliest, um den Gästefans die Möglichkeit zu geben, den Nachnamen zu skandieren.

Der Chancen-Eröffnungs-Verein: Als ,,Chancen-Eröffnungs-Verein“ hat Ex 05-Präsident Harald Strutz seinen Klub mal bezeichnet: Damit liegt er vollkommen richtig. Jürgen Klopp und sein Nachfolger Thomas Tuchel wechseln beide von Mainz 05 zu Borussia Dortmund und werden beim BVB zu den profiliertesten Trainern Deutschlands. Dass beide ab 2015 bzw. ab 2018 mit dem FC Liverpool und Paris St.-Germain zwei europäische Topklubs trainieren, kommt nicht von ungefähr, sondern aus Mainz!

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Abb. 1.10.9 Sieg im Südwest-Derby! Der 1. FC Kaiserslautern schlägt Mainz 05 im DFB-Pokal 2019. Foto: Imago Images/ Jan Hübner

Ehrenspielführer: Dimo Wache steigt mit Mainz 05 2004 in die Bundesliga auf. Zwischen 1995 und 2010 macht Wache mehr als 400 Pflichtspiele für die ,,Null-Fünfer“ und wird dafür als erster Bundesligaprofi der Mainzer zum Ehrenspielführer des Vereins ernannt.

Erster Nationalspieler: Der erste Profi des 1. FSV Mainz 05, der das Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt, ist nicht André Schürrle, sondern Manuel Friedrich. Der Innenverteidiger gibt 2006, im Vorfeld der Heim-WM, sein Länderspiel-Debüt und läuft insgesamt neun-mal für Deutschland auf, davon siebenmal als Mainzer. Damit ist er Rekordnationalspieler des Klubs

Die ,,Bruchweg-Boys“ und ihre Kollegen bringen Millionen: ,,Bruchweg-Boys“, so tauft der Boulevard das Team der Mainzer, das unter Coach Thomas Tuchel 2010/11 die Liga rockt. Ein Spitzenspiel Mainz 05 gegen Borussia Dortmund (0:2), das hätten in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt nicht mal die größten Spaßvögel erwartet! Zwei Spieler aus diesem Team, der Ungar Adam Szalai und der gebürtige Pfälzer André Schürrle, spülen bei ihren Wechseln zu Schalke 04 und Bayer Leverkusen mehr als 17 Mio. Euro in die Kassen der Mainzer.

Beachtenswert: Die Top 8 der Transfers bringen Mainz in nur sieben Jahren fast 100 Millionen Euro Einnahmen. Dennoch gilt an der Eugen-Salomon-Straße bis heute das Motto des legendären Managers Christian Heidel: ,,Bundesliga in Mainz ist nischt selbstverständlisch.“

Special Moments

Am Rosenmontag… Lebenswerk eines insolventen Autohändlers

Vor der Nordtribüne des Mainzer Bruchweg-Stadions steht ein Mann im Innenraum, der mit seinem cremefarbenen Leder-Sakko und schwarzem Hemd sofort auffällt. Der Südwest-Dandy greift ständig zum Handy. Er ärgert sich über Schiedsrichter Hermann Albrecht aus Kaufbeuren. Der hat die Nerven der Mainzer nicht gerade beruhigt, als er in der fünften und siebten Minute des alles entscheidenden Zweitligaspiels gegen Eintracht Trier am 23. Mai 2004 gleich zwei Tore des FSV-Spielers Michael Thurk wegen angeblicher Abseitsposition zurückgepfiffen hat.

Der unruhig hin- und her wippende Typ ist Christian Heidel, der ehrenamtlich tätige Manager des 1. FSV Mainz 05. Heidel erlebt gerade den wichtigsten Tag seiner Karriere. Oder besser gesagt: Er durchleidet ihn. Im Hauptberuf ist der Mainzer Autohändler. Er hat sich schon in jungen Jahren mit 20 Prozent als Anteilseigner bei einem Autohaus eingekauft. Mainz 05 („Ich hab das nie als Job gesehen“) macht er eher nebenbei.

Weiter vorn tigert ein anderer Mann durch die Coaching-Zone. Es ist der Mann, dem Christian Heidel und ganz Mainz diese denkwürdige Konstellation zu verdanken haben. Es ist Jürgen Norbert Klopp, seit 2001 Trainer der Mainzer. Klopp holt sich immer wieder einen seiner Spieler an die Seitenlinie. Er gibt Anweisungen, er brüllt, er gestikuliert. Er will es heute ins Ziel bringen. Endlich ins Ziel bringen. In den vorangegangenen beiden Spielzeiten ist der Schwabe mit dem FSV jeweils episch und am letzten Spieltag gescheitert. Schon 1997 kann „Kloppo“, wie sie den Langen in Mainz getauft haben, als Spieler im direkten Duell beim VfL Wolfsburg (4:5) sich und den „Null-Fünfern“ den Traum vom Aufstieg in die Bundesliga nicht erfüllen.

Der überbordenden Freude in der kleinen, behelfsmäßig mit Zusatz- und Stahlrohrtribünen aufgerüsteten Arena am Bruchweg, traut Heidel nach 23 Minuten noch nicht. Zu tief haben sich die Bilder der weinenden Mainzer Spieler, Fans und Verantwortlichen nach den Nicht-Aufstiegs-Dramen der letzten Jahre in Wolfsburg, Berlin und Braunschweig in sein Bewusstsein eingegraben. „Wir waren schon öfters drin in den letzten Jahren“, lacht Heidel mit ironischem Unterton in der Stimme, „dafür können wir uns nix kaufen. Ist mir egal jetzt.“

Es ist 15.43 Uhr, als der „Vulkan“ Jürgen Klopp ausbricht. Der Karlsruher SC führt mit 1:0 gegen den Mainzer Aufstiegskonkurrenten Alemannia Aachen. „Kloppo“ ballt die Faust, als würde er seinen Jungs zurufen: „Jetzt oder nie!“ Heidel hat schon jetzt Mühe, seine Tränen zurück zu halten. Um 16.23 Uhr erzielt Manuel Friedrich, der als erster deutscher Nationalspieler von Mainz 05 Geschichte schreiben wird, das 2:0. Dieses Mal werden die Mainzer nicht „Die Unaufsteigbaren“ sein. Mit einem 3:0 über Eintracht Trier und einem 1:0 des KSC im Parallelspiel gegen die Aachener ist der Aufstieg perfekt, auf den sie so lange gewartet haben. „Das ist das, was wir seit drei Jahren versucht haben und wir sind jetzt einfach happy. Ich glaub, wir haben’s auch schwer verdient“, sagt Heidel mit Tränen in den Augen am ZDF-Mikrofon.

In der Kabine trinkt Jürgen Klopp derweil das erste von diversen Aufstiegs-Bierchen. Dass er dabei das Bier der Brauerei trinkt, die ihn Jahre später als Werbeträger gewinnt, kann er in diesem Moment wirklich nicht wissen. Fassen kann er den Aufstieg noch nicht. Aber er erklärt ihn. Und zwar genau auf die ironisch-intelligente Art, mit der er in Mainz, aber auch später als TV-Experte im ZDF sowie bei Borussia Dortmund und beim FC Liverpool alle in seinen Bann zieht. „Drei Jahre lang so ein Zeug zu machen und dann am Ende es so zu schaffen, was für ein Drehbuch“, sagt Klopp dem SWR, „wer hat eigentlich das Tor in Karlsruhe gemacht? …Conor Casey! Ich adoptier dich…“

Ein typischer Klopp. Wie kaum ein anderer versteht es der Motivationskünstler, das mitunter brutale Fußball-Business mit feinsinnigem Humor zu brechen. Gemeinsam mit Christian Heidel („Wir waren in der 2. Liga die graueste Maus unter den grauen Mäusen“) hat er einen Klub in die Bundesliga geführt, der selbst in Rheinland-Pfalz lange keine große Nummer ist. Im Schatten des beinahe kultisch verehrten 1. FC Kaiserslautern tut sich jeder Verein zwischen Rhein und Mosel schwer, etwas Popularität abzubekommen. In der Landeshauptstadt Mainz ist lange sehr viel unternommen worden, um die Anziehungskraft des FSV zu steigern. Den „Pappnasen“, wie der Verein in der Stadt genannt wird, fehlt es an Geld, um eine schlagkräftige Mannschaft in die Bruchbude am Bruchweg zu bringen. Auf Kriegstrümmern erbaut, ist das Stadion lange eine unansehnliche, stimmungslose Anlage mit dem Flair eines Bezirkssportplatzes. Dazu kommen finanzielle Turbulenzen – Mainz 05 droht mehrfach der Auszugsmarsch aus dem Profifußball. 1976 gibt man sogar die Zweitligalizenz zurück und steigt freiwillig ab.

Christian Heidel versucht ab 1989 irgendwie, Seriosität in den Verein reinzubringen. Er ist Geschäftsführer eines Autohauses, sein Vater ist Bürgermeister und Baudezernent in Mainz. 1992 rückt er in den Mainzer Vorstand auf. „Mainz ist Heimat, Lebensaufgabe und dieser Klub ist irgendwo auch mein Baby“, sagt er Jahre später der WELT. Und irgendwo auch eine Trainerschleuder. Zwischen 1992 und 2001 wechselt in Mainz 15-mal der Coach. Der letzte Trainer, der nicht mit „Helau“ verabschiedet wird, ist Eckhard Krautzun.

FSV Mainz 05
Abb. 1.10.10 Christian Heidel (r.) - der Autohändler, der Mainz professionalisiert - gehört von 1992 bis 2016 dem Vorstand von Mainz 05 an. Präsident Harald Strutz (l.) lässt Heidel machen. Foto: Imago Images/ Sven Simon

Am 28. Februar 2001, es ist Rosenmontag in Mainz und die meisten Fans sind beim großen Umzug. Mainz 05 trennt sich von Krautzun, der sieben Spiele in Folge nicht gewonnen hat und mit dem Team auf einem Abstiegsplatz steht. Heidel sitzt zu Hause. Für die ARD-Übertragung des Rosenmontagsumzug mit Kommentator Günter Jung, mit den ,,Schwollköpp“, der ,,Klepper-Garde“ und den „Scheierborzelern“, hat er keine Muse. „Ich musste mir über einige Sachen klar werden“, sinniert er Jahre später im Kicker, „ich musste etwas ändern.“ Seine Idee: „Ich dachte an einen Mann aus den eigenen Reihen. Ich dachte, mit so einem kann es auch nicht schlechter werden als mit einem Hochkaräter vom Transfermarkt.“ Er denkt an Jürgen Klopp, der 325 Zweitliga-Spiele für den 1. FSV Mainz 05 absolviert hat und mit fast 34 Jahren den Zenit seiner Laufbahn als Spieler schon überschritten hat. Eventuell will er noch ein Jahr dranhängen. Aber vielleicht will er auch ein Praktikum bei SAT 1 in Mainz machen – oder Trainer werden. Genau. „Kloppo wollte doch schon immer Trainer werden“, denkt Heidel bei sich, während die ARD von Mainz nach Düsseldorf weiterschaltet.

Er telefoniert mit „Kloppo“, der nicht lange nachdenkt. „Christian Heidel ruft an, Kloppo, wir schmeißen Eckhard raus, bla bla bla, kannst Du dir vorstellen, dass du das machst?“, erzählt Klopp später das Gespräch nach, das sein Leben und die Geschichte des FSV Mainz 05 nachhaltig verändern wird. Er übernimmt Mainz 05 ausgerechnet am Rosenmontag als Trainer. „Es war etwas spooky, als Klopp Trainer wurde“, erinnert sich der langjährige Mainzer Torhüter Dimo Wache im Mai 2019 in einem Kicker-Interview, „an dem besagten Rosenmontag saßen Manager Christian Heidel, Kloppo und ich zusammen und beratschlagten, wie es nach der Trennung von Eckhard Krautzun weitergeht. Danach kam gleich die Pressekonferenz, in der Jürgen vorgestellt wurde.“ Wache sagt aber auch: „Dass Kloppo so eine einzigartige Karriere hinlegt, konnte natürlich keiner ahnen, auch wenn seine Art und Weise einmalig ist. Dazu kommt sein großer Fußballsachverstand.“

Klopp selbst drückt das in seiner ihm eigenen Art aus: „Wir waren als nicht trainierbar verschrien, dabei waren wir nur eine Mannschaft, die viele Fragen hatte.“ Klopp beantwortet diese Fragen mit viel Akribie und mit taktischem Verständnis, das er von seinem Lehrmeister, dem 2013 viel zu früh verstorbenen Wolfgang Frank, übernommen hat.

Klopp spricht die Sprache der Spieler. Schon als Profi gehört er nicht in die Liga der Phrasendrescher. „Wir stehen seit Monaten unter Druck und du kommst hier an und fragst mich, wovon wir träumen, so einen Scheißdreck hab’ ich im Leben noch nicht gehört“, putzt er einmal einen SWR-Reporter ab. Der junge, dynamische Trainer Klopp – neben Dortmunds Matthias Sammer der jüngste Coach der Bundesliga – erhält von BILD wegen seiner Nickelbrille den Spitznahmen „Harry Potter“. Dieser kann sich glücklicherweise nie durchsetzen. Klopp aber zieht sein Ding durch. Er führt Mainz 05 in der ersten Saison 2000/01 zum Liga-Erhalt, 2004 in die Bundesliga und ein Jahr später – die Fairness-Wertung der UEFA bringt Mainz einen Startplatz – bis in die Playoffs des UEFA-Pokals.

Weise Worte

Zitate für die Ewigkeit

„Das wurde alles hoch kristallisiert." René Adler

Ex-Torhüter von Mainz 05

„Es war unglaublich schön! Ich hab das Tor nur für ihn geschossen, er hat so eine Scheiße gepfiffen, also unglaublich, was er gemacht hat, so einen Rotz kann man gar nicht zusammenpfeifen in einem Spiel, aber er hat's geschafft, unglaublich!“ Michael Thurk als Spieler von Mainz 05

auf die Frage, warum er nach seinem Tor zum 1:1 gegen den Karlsruher SC zum Schiedsrichter gelaufen sei. Diese Äußerung kostete ihn 2.000 Euro.

„Ich finde es schade, dass der Erfolg im Fußball nicht mehr ausschließlich vom Fußball abhängig ist. Wir als Mainz 05 müssen Tickets und Spieler verkaufen, um investieren zu können, andere verkaufen dafür Autos und Brause.

Ex-Manager Christian Heidel

„Miro Tanjga hat mich immer geschnitten. Ich glaube, wir haben 400 Spiele zusammen gemacht, und er hat mich sieben Mal angespielt.“

Jürgen Klopp als Spieler von Mainz 05 über Miroslav Tanjga

„Ich muss jetzt Champions League gucken. Das ist wichtig, denn da sind ja potentielle Gegner von uns dabei.“

Jürgen Klopp als Trainer von Mainz 05 im Jahr 2004
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Über dieses Projekt

„AKTE MAINZ" ist ein Dossier über FSV Mainz 05. Ziemlich ungerecht, bewusst einseitig — aber mit viel Liebe zum Detail und dem nötigen Respekt.

Teil der Akte Bundesliga-Serie — 18 Club-Dossiers über die Bundesliga-Vereine.

Autoren: Carsten Germann, Thomas Look & Udo Muras
Redaktion: Bilder: Imago Images
Produktion: Marcus Brauer, Denis Tuksar