Special Moments
Vor der Nordtribüne des Mainzer Bruchweg-Stadions steht ein Mann im Innenraum, der mit seinem cremefarbenen Leder-Sakko und schwarzem Hemd sofort auffällt. Der Südwest-Dandy greift ständig zum Handy. Er ärgert sich über Schiedsrichter Hermann Albrecht aus Kaufbeuren. Der hat die Nerven der Mainzer nicht gerade beruhigt, als er in der fünften und siebten Minute des alles entscheidenden Zweitligaspiels gegen Eintracht Trier am 23. Mai 2004 gleich zwei Tore des FSV-Spielers Michael Thurk wegen angeblicher Abseitsposition zurückgepfiffen hat.
Der unruhig hin- und her wippende Typ ist Christian Heidel, der ehrenamtlich tätige Manager des 1. FSV Mainz 05. Heidel erlebt gerade den wichtigsten Tag seiner Karriere. Oder besser gesagt: Er durchleidet ihn. Im Hauptberuf ist der Mainzer Autohändler. Er hat sich schon in jungen Jahren mit 20 Prozent als Anteilseigner bei einem Autohaus eingekauft. Mainz 05 („Ich hab das nie als Job gesehen“) macht er eher nebenbei.
Weiter vorn tigert ein anderer Mann durch die Coaching-Zone. Es ist der Mann, dem Christian Heidel und ganz Mainz diese denkwürdige Konstellation zu verdanken haben. Es ist Jürgen Norbert Klopp, seit 2001 Trainer der Mainzer. Klopp holt sich immer wieder einen seiner Spieler an die Seitenlinie. Er gibt Anweisungen, er brüllt, er gestikuliert. Er will es heute ins Ziel bringen. Endlich ins Ziel bringen. In den vorangegangenen beiden Spielzeiten ist der Schwabe mit dem FSV jeweils episch und am letzten Spieltag gescheitert. Schon 1997 kann „Kloppo“, wie sie den Langen in Mainz getauft haben, als Spieler im direkten Duell beim VfL Wolfsburg (4:5) sich und den „Null-Fünfern“ den Traum vom Aufstieg in die Bundesliga nicht erfüllen.
Der überbordenden Freude in der kleinen, behelfsmäßig mit Zusatz- und Stahlrohrtribünen aufgerüsteten Arena am Bruchweg, traut Heidel nach 23 Minuten noch nicht. Zu tief haben sich die Bilder der weinenden Mainzer Spieler, Fans und Verantwortlichen nach den Nicht-Aufstiegs-Dramen der letzten Jahre in Wolfsburg, Berlin und Braunschweig in sein Bewusstsein eingegraben. „Wir waren schon öfters drin in den letzten Jahren“, lacht Heidel mit ironischem Unterton in der Stimme, „dafür können wir uns nix kaufen. Ist mir egal jetzt.“
Es ist 15.43 Uhr, als der „Vulkan“ Jürgen Klopp ausbricht. Der Karlsruher SC führt mit 1:0 gegen den Mainzer Aufstiegskonkurrenten Alemannia Aachen. „Kloppo“ ballt die Faust, als würde er seinen Jungs zurufen: „Jetzt oder nie!“ Heidel hat schon jetzt Mühe, seine Tränen zurück zu halten. Um 16.23 Uhr erzielt Manuel Friedrich, der als erster deutscher Nationalspieler von Mainz 05 Geschichte schreiben wird, das 2:0. Dieses Mal werden die Mainzer nicht „Die Unaufsteigbaren“ sein. Mit einem 3:0 über Eintracht Trier und einem 1:0 des KSC im Parallelspiel gegen die Aachener ist der Aufstieg perfekt, auf den sie so lange gewartet haben. „Das ist das, was wir seit drei Jahren versucht haben und wir sind jetzt einfach happy. Ich glaub, wir haben’s auch schwer verdient“, sagt Heidel mit Tränen in den Augen am ZDF-Mikrofon.
In der Kabine trinkt Jürgen Klopp derweil das erste von diversen Aufstiegs-Bierchen. Dass er dabei das Bier der Brauerei trinkt, die ihn Jahre später als Werbeträger gewinnt, kann er in diesem Moment wirklich nicht wissen. Fassen kann er den Aufstieg noch nicht. Aber er erklärt ihn. Und zwar genau auf die ironisch-intelligente Art, mit der er in Mainz, aber auch später als TV-Experte im ZDF sowie bei Borussia Dortmund und beim FC Liverpool alle in seinen Bann zieht. „Drei Jahre lang so ein Zeug zu machen und dann am Ende es so zu schaffen, was für ein Drehbuch“, sagt Klopp dem SWR, „wer hat eigentlich das Tor in Karlsruhe gemacht? …Conor Casey! Ich adoptier dich…“
Ein typischer Klopp. Wie kaum ein anderer versteht es der Motivationskünstler, das mitunter brutale Fußball-Business mit feinsinnigem Humor zu brechen. Gemeinsam mit Christian Heidel („Wir waren in der 2. Liga die graueste Maus unter den grauen Mäusen“) hat er einen Klub in die Bundesliga geführt, der selbst in Rheinland-Pfalz lange keine große Nummer ist. Im Schatten des beinahe kultisch verehrten 1. FC Kaiserslautern tut sich jeder Verein zwischen Rhein und Mosel schwer, etwas Popularität abzubekommen. In der Landeshauptstadt Mainz ist lange sehr viel unternommen worden, um die Anziehungskraft des FSV zu steigern. Den „Pappnasen“, wie der Verein in der Stadt genannt wird, fehlt es an Geld, um eine schlagkräftige Mannschaft in die Bruchbude am Bruchweg zu bringen. Auf Kriegstrümmern erbaut, ist das Stadion lange eine unansehnliche, stimmungslose Anlage mit dem Flair eines Bezirkssportplatzes. Dazu kommen finanzielle Turbulenzen – Mainz 05 droht mehrfach der Auszugsmarsch aus dem Profifußball. 1976 gibt man sogar die Zweitligalizenz zurück und steigt freiwillig ab.
Christian Heidel versucht ab 1989 irgendwie, Seriosität in den Verein reinzubringen. Er ist Geschäftsführer eines Autohauses, sein Vater ist Bürgermeister und Baudezernent in Mainz. 1992 rückt er in den Mainzer Vorstand auf. „Mainz ist Heimat, Lebensaufgabe und dieser Klub ist irgendwo auch mein Baby“, sagt er Jahre später der WELT. Und irgendwo auch eine Trainerschleuder. Zwischen 1992 und 2001 wechselt in Mainz 15-mal der Coach. Der letzte Trainer, der nicht mit „Helau“ verabschiedet wird, ist Eckhard Krautzun.

Am 28. Februar 2001, es ist Rosenmontag in Mainz und die meisten Fans sind beim großen Umzug. Mainz 05 trennt sich von Krautzun, der sieben Spiele in Folge nicht gewonnen hat und mit dem Team auf einem Abstiegsplatz steht. Heidel sitzt zu Hause. Für die ARD-Übertragung des Rosenmontagsumzug mit Kommentator Günter Jung, mit den ,,Schwollköpp“, der ,,Klepper-Garde“ und den „Scheierborzelern“, hat er keine Muse. „Ich musste mir über einige Sachen klar werden“, sinniert er Jahre später im Kicker, „ich musste etwas ändern.“ Seine Idee: „Ich dachte an einen Mann aus den eigenen Reihen. Ich dachte, mit so einem kann es auch nicht schlechter werden als mit einem Hochkaräter vom Transfermarkt.“ Er denkt an Jürgen Klopp, der 325 Zweitliga-Spiele für den 1. FSV Mainz 05 absolviert hat und mit fast 34 Jahren den Zenit seiner Laufbahn als Spieler schon überschritten hat. Eventuell will er noch ein Jahr dranhängen. Aber vielleicht will er auch ein Praktikum bei SAT 1 in Mainz machen – oder Trainer werden. Genau. „Kloppo wollte doch schon immer Trainer werden“, denkt Heidel bei sich, während die ARD von Mainz nach Düsseldorf weiterschaltet.
Er telefoniert mit „Kloppo“, der nicht lange nachdenkt. „Christian Heidel ruft an, Kloppo, wir schmeißen Eckhard raus, bla bla bla, kannst Du dir vorstellen, dass du das machst?“, erzählt Klopp später das Gespräch nach, das sein Leben und die Geschichte des FSV Mainz 05 nachhaltig verändern wird. Er übernimmt Mainz 05 ausgerechnet am Rosenmontag als Trainer. „Es war etwas spooky, als Klopp Trainer wurde“, erinnert sich der langjährige Mainzer Torhüter Dimo Wache im Mai 2019 in einem Kicker-Interview, „an dem besagten Rosenmontag saßen Manager Christian Heidel, Kloppo und ich zusammen und beratschlagten, wie es nach der Trennung von Eckhard Krautzun weitergeht. Danach kam gleich die Pressekonferenz, in der Jürgen vorgestellt wurde.“ Wache sagt aber auch: „Dass Kloppo so eine einzigartige Karriere hinlegt, konnte natürlich keiner ahnen, auch wenn seine Art und Weise einmalig ist. Dazu kommt sein großer Fußballsachverstand.“
Klopp selbst drückt das in seiner ihm eigenen Art aus: „Wir waren als nicht trainierbar verschrien, dabei waren wir nur eine Mannschaft, die viele Fragen hatte.“ Klopp beantwortet diese Fragen mit viel Akribie und mit taktischem Verständnis, das er von seinem Lehrmeister, dem 2013 viel zu früh verstorbenen Wolfgang Frank, übernommen hat.
Klopp spricht die Sprache der Spieler. Schon als Profi gehört er nicht in die Liga der Phrasendrescher. „Wir stehen seit Monaten unter Druck und du kommst hier an und fragst mich, wovon wir träumen, so einen Scheißdreck hab’ ich im Leben noch nicht gehört“, putzt er einmal einen SWR-Reporter ab. Der junge, dynamische Trainer Klopp – neben Dortmunds Matthias Sammer der jüngste Coach der Bundesliga – erhält von BILD wegen seiner Nickelbrille den Spitznahmen „Harry Potter“. Dieser kann sich glücklicherweise nie durchsetzen. Klopp aber zieht sein Ding durch. Er führt Mainz 05 in der ersten Saison 2000/01 zum Liga-Erhalt, 2004 in die Bundesliga und ein Jahr später – die Fairness-Wertung der UEFA bringt Mainz einen Startplatz – bis in die Playoffs des UEFA-Pokals.
Im gleichen Jahr meldet das Autohaus, in das Heidel sich eingekauft hat, Insolvenz an. Erst jetzt wird der Mainzer Macher festangestellter und hauptberuflicher Manager. Nach Klopp zieht er 2009 mit dem damaligen Mainzer U19-Coach Thomas Tuchel den nächsten Trainer-Joker. Und er plant seinen nächsten Coup: Ein neues Stadion für Mainz 05. Schon 2007 holen Heidel und Klubchef Harald Strutz, ebenfalls ein gebürtiger Mainzer, sich die Genehmigung für eine neue Arena in Bretzenheim, 2009 ist Baubeginn. 2011 zieht Mainz 05 um. Natürlich stilecht mit einem vier Kilometer langen Karnevalsumzug. Das Image des selbst ernannten Karnevals-Verein, der bei jedem Tor den Narrhallamarsch einspielt, geht ebenfalls auf das Konto von Heidel. Mit dem Schweizer Martin Schmidt, noch so ein Glücksgriff von Heidel, erreicht Mainz 2016 in der Europa League erstmals eine Gruppenphase in einem europäischen Wettbewerb. Den Mainzer Umsatz hat er von drei Millionen (1992) auf 78 Millionen Euro im Jahr 2014 gesteigert. Also: Von wegen Insolvenz…der kann es nicht.
Der Moment, in dem er sich Jürgen Klopp als Nachfolger von Eckhard Krautzun vorstellen kann und den Schwaben und späteren Welttrainer 2019 als neuen Mainzer Trainer für die 2. Bundesliga gewinnt, wird ein „Special Moment“ der Mainzer Fußballgeschichte bleiben.